Systemtheorie ist wie Grillkäse
Leon Festinger ist ein Held meines Alltags. Der Sozialpsychologe aus New York hat vor knapp 60 Jahren nicht nur die bahnbrechende Theorie des sozialen Vergleichs entworfen, sondern veröffentlichte kurz darauf auch seine Theorie der Kognitiven Dissonanz, die - seitdem ich sie kenne - meine Alltagsbeobachtung prägt.
Kurz und grob besagt die Theorie, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, zwei sich widersprechende Kognitionen (z.B. Wahrnehmungen, Gedanken oder Meinungen) auf Dauer ›auszuhalten‹. So wird es höchst unangenehm, wenn unser (schlechtes) Verhalten unserem (positiven) Selbstbild widerspricht. Kommt es nun aber doch dazu, muss dieses Unbehangen möglichst bald beseitigt werden.
Was aber, wenn das nicht gelingt?
Das Praktische: Wir Menschen sind meisterhafte Künstler in dieser Disziplin der Dissonanzauflösung. Das durfte ich bisher nicht nur an anderen Menschen, sondern oft genug auch an mir selbst beobachten. Dabei gibt es grob drei verschiedene Möglichkeiten, kognitive Dissonanzen zu überwinden:
- Man ändert sein Verhalten.
- Man ändert sein Selbstbild.
- Oder: Man legt sich Ausreden zurecht.
Die Rechtfertigung gegenüber sich selbst (als eine Form der Selbstüberlistung) ist dabei nicht nur die am häufigsten gewählte, sondern auch die instabilste der drei Optionen. Beliebt ist sie aufgrund ihrer vergleichsweise einfachen (wenn auch kreativen) Umsetzung; für ihre Instabilität sorgt hingegen der Umstand, dass dieses Sich-Austricksen dem Selbstbild ebenfalls widerspricht. Die Dissonanz wird also nur verdoppelt und tiefer ins Unbewusste verschoben; was zur Folge hat, dass man sehr anfällig wird für Kritik - egal ob tatsächlich geäußert oder einfach nur antizipiert.
Beobachten lässt sich diese Anfälligkeit für antizipierte Kritik zum Beispiel beim Aufeinandertreffen von Vegetariern und (so manchen) Fleischessern auf abendlichen Grillparties. Nicht selten sorgen hier Grillkäse und Gemüsespieß für eine Mischung aus Verwirrung und Aggression seitens der Kotelett-Fans und Würstchen-Liebhaber. Ohne dass auch nur ein Wort gewechselt wurde, fühlen diese sich allein durch die Käse-Exotik neben ihrer Bratwurst angegriffen. Der Grillkäse wird zum Symbol des Vorwurfs und der abschätzigen Überheblichkeit. Je instabiler dabei die Dissonanzauflösung, umso lauthalser das Drüber-Lachen, umso beherzter der Fleischverzehr. Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung.
System-Allergie und pauschale Aggression
Eine weitere Beobachtung ist nun, dass es sich vielerorts und quer durch die Sozialwissenschaften mit der Systemtheorie ebenso verhält wie mit dem Grillkäse im oben beschriebenen Szenario. Oft genug wird nämlich auffällig allergisch auf deren Vokabular und - wie gesagt - recht aggressiv gegenüber ihren Vertretern reagiert; die Antizipation der abschätzigen Überheblichkeit inklusive.
Ein anschauliches Beispiel dafür lieferte mir neulich die Pfingstwochenenddiskussion über den Artikel »Thesen über Next Society« von Jörg Wittkewitz. Unter dem Deckmantel der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den von Dirk Baecker publizierten 15 Thesen zur nächsten Gesellschaft arbeitet sich Wittkewitz dort nämlich fast ausschließlich an den von Baecker benutzten Begriffen ab und agiert dabei ebenso wie die karnivoren Grillgenossen pauschal aggressiv gegenüber den Systemvertretern:
Das Ganze scheint wie hermetisches Geraune, das wohl nur die Jünger der Systemtheorie in ihrem semantischen, epistemischen und phänomenologischen Gehalt überprüfen können. Wir normalen Menschen sind da außen vor.
Unverständnis statt Nichtverstehen
Gehen wir in Anbetracht dieser Parallelen und bestückt mit Festingers schwarzer Hornbrille also einfach mal davon aus, dass Wittkewitz so seine Probleme mit dem Verstehen der Systemtheorie hat. (Das klingt zwar nach Unterstellung, soll hier aber über eine Interpretation seines publizistischen Verhaltens nicht hinausgehen.) Dies wäre tatsächlich kein Beinbruch, wäre er doch bei Weitem nicht der Einzige, der bei diesem aus voraussetzungsvollen Begriffen komponierten Theoriegebäude nicht mehr als Bahnhof Luhmann versteht. Ganz im Sinne der kognitiven Dissonanz steht dann jedoch sein Nicht-Verstehen im Widerspruch zu seinem Selbstbild als Wissenschaftstheoretiker.
So löst er - und dies ist typisch für System-Allergiker - die daraus resultierende Dissonanz nach der oben beschriebenen dritten Variante mit einem semantischen Kniff auf: Um sich selbst nicht eingestehen zu müssen, es mangele ihm am Verstehen, bemüht er sich, andere (und dadurch sich selbst) davon zu überzeugen, ihm fehle lediglich das Verständnis - für das »Jargon« und dessen »hermetische Schule« (zu der er selbst ja eben nicht gehört).
Mir scheint also, Baeckers Thesenpapier und die Systemtheorie sind für Wittkewitz und Co. so eine Art sozialwissenschaftlicher Grillkäse: Ein zwar von außen gar nicht explizierter, aber vor dem Hintergrund der unbewussten Dissonanz ein intrasubjektiv auf sich selbst gelenkter Angriff, den es zur Aufrechterhaltung des Selbstbildes abzuwehren gilt. Dies ist in gewisser Weise nicht nur nachvollziehbar, sondern - wie oben gezeigt - auch nur menschlich. Überdacht werden sollte jedoch dringend, welches Selbstbild dort verteidigt wird. Denn Tatsache ist doch: Selbst Wissenschaftstheoretiker lernen nie aus. Und nur wer sich eingestehen kann, nicht perfekt zu sein, hat die wenigsten Probleme mit sich selbst.