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Eigentümliche Zwangsneurose zum besseren Argument

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Systemtheorie ist wie Grillkäse

20 Juni 2011

Leon Festinger ist ein Held meines Alltags. Der Sozialpsychologe aus New York hat vor knapp 60 Jahren nicht nur die bahnbrechende Theorie des sozialen Vergleichs entworfen, sondern veröffentlichte kurz darauf auch seine Theorie der Kognitiven Dissonanz, die - seitdem ich sie kenne - meine Alltagsbeobachtung prägt.

Kurz und grob besagt die Theorie, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, zwei sich widersprechende Kognitionen (z.B. Wahrnehmungen, Gedanken oder Meinungen) auf Dauer ›auszuhalten‹. So wird es höchst unangenehm, wenn unser (schlechtes) Verhalten unserem (positiven) Selbstbild widerspricht. Kommt es nun aber doch dazu, muss dieses Unbehangen möglichst bald beseitigt werden.

Was aber, wenn das nicht gelingt?

Das Praktische: Wir Menschen sind meisterhafte Künstler in dieser Disziplin der Dissonanzauflösung. Das durfte ich bisher nicht nur an anderen Menschen, sondern oft genug auch an mir selbst beobachten. Dabei gibt es grob drei verschiedene Möglichkeiten, kognitive Dissonanzen zu überwinden:

  1. Man ändert sein Verhalten.
  2. Man ändert sein Selbstbild.
  3. Oder: Man legt sich Ausreden zurecht.

Die Rechtfertigung gegenüber sich selbst (als eine Form der Selbstüberlistung) ist dabei nicht nur die am häufigsten gewählte, sondern auch die instabilste der drei Optionen. Beliebt ist sie aufgrund ihrer vergleichsweise einfachen (wenn auch kreativen) Umsetzung; für ihre Instabilität sorgt hingegen der Umstand, dass dieses Sich-Austricksen dem Selbstbild ebenfalls widerspricht. Die Dissonanz wird also nur verdoppelt und tiefer ins Unbewusste verschoben; was zur Folge hat, dass man sehr anfällig wird für Kritik - egal ob tatsächlich geäußert oder einfach nur antizipiert.

Beobachten lässt sich diese Anfälligkeit für antizipierte Kritik zum Beispiel beim Aufeinandertreffen von Vegetariern und (so manchen) Fleischessern auf abendlichen Grillparties. Nicht selten sorgen hier Grillkäse und Gemüsespieß für eine Mischung aus Verwirrung und Aggression seitens der Kotelett-Fans und Würstchen-Liebhaber. Ohne dass auch nur ein Wort gewechselt wurde, fühlen diese sich allein durch die Käse-Exotik neben ihrer Bratwurst angegriffen. Der Grillkäse wird zum Symbol des Vorwurfs und der abschätzigen Überheblichkeit. Je instabiler dabei die Dissonanzauflösung, umso lauthalser das Drüber-Lachen, umso beherzter der Fleischverzehr. Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung.

System-Allergie und pauschale Aggression

Eine weitere Beobachtung ist nun, dass es sich vielerorts und quer durch die Sozialwissenschaften mit der Systemtheorie ebenso verhält wie mit dem Grillkäse im oben beschriebenen Szenario. Oft genug wird nämlich auffällig allergisch auf deren Vokabular und - wie gesagt - recht aggressiv gegenüber ihren Vertretern reagiert; die Antizipation der abschätzigen Überheblichkeit inklusive. 

Ein anschauliches Beispiel dafür lieferte mir neulich die Pfingstwochenenddiskussion über den Artikel »Thesen über Next Society« von Jörg Wittkewitz. Unter dem Deckmantel der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den von Dirk Baecker publizierten 15 Thesen zur nächsten Gesellschaft arbeitet sich Wittkewitz dort nämlich fast ausschließlich an den von Baecker benutzten Begriffen ab und agiert dabei ebenso wie die karnivoren Grillgenossen pauschal aggressiv gegenüber den Systemvertretern:

Das Ganze scheint wie hermetisches Geraune, das wohl nur die Jünger der Systemtheorie in ihrem semantischen, epistemischen und phänomenologischen Gehalt überprüfen können. Wir normalen Menschen sind da außen vor.

Unverständnis statt Nichtverstehen

Gehen wir in Anbetracht dieser Parallelen und bestückt mit Festingers schwarzer Hornbrille also einfach mal davon aus, dass Wittkewitz so seine Probleme mit dem Verstehen der Systemtheorie hat. (Das klingt zwar nach Unterstellung, soll hier aber über eine Interpretation seines publizistischen Verhaltens nicht hinausgehen.) Dies wäre tatsächlich kein Beinbruch, wäre er doch bei Weitem nicht der Einzige, der bei diesem aus voraussetzungsvollen Begriffen komponierten Theoriegebäude nicht mehr als Bahnhof Luhmann versteht. Ganz im Sinne der kognitiven Dissonanz steht dann jedoch sein Nicht-Verstehen im Widerspruch zu seinem Selbstbild als Wissenschaftstheoretiker.

So löst er - und dies ist typisch für System-Allergiker - die daraus resultierende Dissonanz nach der oben beschriebenen dritten Variante mit einem semantischen Kniff auf: Um sich selbst nicht eingestehen zu müssen, es mangele ihm am Verstehen, bemüht er sich, andere (und dadurch sich selbst) davon zu überzeugen, ihm fehle lediglich das Verständnis - für das »Jargon« und dessen »hermetische Schule« (zu der er selbst ja eben nicht gehört).

Mir scheint also, Baeckers Thesenpapier und die Systemtheorie sind für Wittkewitz und Co. so eine Art sozialwissenschaftlicher Grillkäse: Ein zwar von außen gar nicht explizierter, aber vor dem Hintergrund der unbewussten Dissonanz ein intrasubjektiv auf sich selbst gelenkter Angriff, den es zur Aufrechterhaltung des Selbstbildes abzuwehren gilt. Dies ist in gewisser Weise nicht nur nachvollziehbar, sondern - wie oben gezeigt - auch nur menschlich. Überdacht werden sollte jedoch dringend, welches Selbstbild dort verteidigt wird. Denn Tatsache ist doch: Selbst Wissenschaftstheoretiker lernen nie aus. Und nur wer sich eingestehen kann, nicht perfekt zu sein, hat die wenigsten Probleme mit sich selbst.

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Die Kehrseite vernetzter Rezeption

5 Juni 2011

Wäre das Internet ein Zettelkasten, wir kämen mit dem Blättern wohl nicht mehr hinterher. Was der berühmte Soziologe Niklas Luhmann noch als Grundlage seiner erfolgreichen Arbeit anpries, ist für viele Internetnutzer zu einer lästigen, weil zeitraubenden Leidenschaft geworden: Das vernetzte Lesen von Texten; im Internet seit jeher ›Surfen‹ genannt.

Hinter diesem nicht mehr ganz so jungen Neologismus verbirgt sich unsere unweigerliche Neigung, bei der Textlektüre im Internet auf Hyperlinks zu klicken, sobald sie etwas Interessantes verprechen (so wie etwa dieser Link hier). Dieses Von-einer-Seite-zur-anderen-Klicken bringt zwar enorme Vorteile mit sich, gelangen wir so doch an bisher unbekannte Informationen, Argumente und Wissensbestände; nicht selten führt es aber auch dazu, dass wir die einzelnen Texte nur überfliegen und/oder gar nicht bis zu Ende lesen. Je länger dabei der Text und je mehr ablenkende Links, umso unwahrscheinlicher die vollständige Rezeption.

Die Kritik an vernetzter Rezeption

Mit diesem - wie ich finde - medientheoretisch interessanten Aspekt der vernetzten Rezeption von Texten im Internet beschäftigt sich unter anderen auch der Mathematiker und Physiker Martin Warnke, der Ende Februar 2011 im Philosophischen Radio sein Buch »Theorien des Internet zur Einführung« vorstellte (zur Sendung | mp3). Seine kritischen Äußerungen zur vernetzten Online-Rezeption lieferten den Anstoß zu diesem Eintrag.

In Abgrenzung zu dem Hypertext-Liebhaber Ted Nelson, der davon überzeugt sei, dass die lineare Rezeptions- und Denkvorgabe eines Buches (und damit auch die anderer Printmedien) die Leser in der Freiheit ihres Geistes einenge (ab 13. Minute), erkennt Warnke (auch) handfeste Nachteile der vernetzten Rezeption (15. Minute):

Das Buch […] fördert durch seine Anordnung der Seiten ein lineares Argument, fast einen Beweis […]. Die Wissensordnungen der Zeit vor dem Buch waren sehr viel freier und haben sehr viel weiter ausgegriffen, nach links und rechts. Dann gab es die lange Zeit, in der das Buch dominierte und lineare Argumente stark gefördert hat und alles andere ausgeschlossen hat; und jetzt kriegen wir wieder eine Zeit, in der wieder ausgegriffen wird, in der man dann nicht mehr so recht weiß, woran man ist; jedenfalls nicht mehr an einem roten Faden, weil eben die Dokumente und die Argumente so weiträumig miteinander vernetzt geschrieben und gelesen werden.

Unterstützt wird Warnke dabei nicht nur durch unsere eingangs angedeuteten Erfahrungen, sondern ebenso durch den Kommentar eines Hörers (35. Minute), der der »unglaublichen Fülle an Informationen und dem Zugriff auf so ziemlich jedes Gedankengut auf dieser Welt« durch das Internet eine »Veränderung des Bewusstseins« gegenüberstellt. Er diagnostiziert: »Wir verlieren zunehmend die Fähigkeit, zu warten oder uns längere Zeit und intensiver mit einem Thema zu befassen.«

Daumenkino und News-Zapping

Um diese Bedenken anhand eines Beispiels (und etwas überspitzt) auf den Punkt zu bringen: Den Verweisen eines Lexikoneintrages zu folgen, führt sicherlich zu einer emergenten Wissensanhäufung, es aber als Daumenkino zu lesen, führt zu nichts.

Wanke problematisiert also (übrigens im ernsten Wohlwollen) die Kehrseite der Allzugänglichkeit vernetzter Informationen: Eine gesteigerte Wahrscheinlichkeit, sich durch die Fokussierung auf die subjektiv als interessant wahrgenommenen Aspekte eines Gedankens von dem Gedankengang selbst - seinem Kern, seinem argumentativen Aufbau, seiner Pointe - ablenken zu lassen.

Der Online-Journalismus hat sich dem daraus resultierenden Hang zum ›News Zapping‹ im Internet bereits angepasst. Nach diesem Prinzip funktionieren beispielswiese der spätestens seit der ägyptischen Revolution im Februar und März 2011 so erfolgreiche Ticker-Journalismus sowie die Kurznachricht in Reinform bei Twitter: Nachrichtenschnipsel zur vernetzten Rezeption. Mundgerechte Happen, geordnet nur noch durch ihre Chronologie, direkt auffindbar allein durch die Stichwortsuche.

Alles schlecht?

Ausgehend von diesen Beobachtungen und mit Blick auf die fortschreitende Digitalisierung der Gesellschaft stellt sich nun also die Frage, inwiefern diese Ausdehnung der Möglichkeit zur vernetzten Rezeption für diejenigen Bereiche der Gesellschaft problematisch werden könnte, in denen die lineare Beweisführung unverzichtbar ist - so zum Beispiel in der Wissenschaft oder im Rechtssystem.

Dabei fällt sofort auf, dass in eben jenen Gesellschaftsbereichen Informationen und Argumentation seit jeher hochgradig vernetzt sind. Die propädeutische Pflicht zur Quellenangabe und zum Querverweis erhebt das Prinzip der Vernetzung gar zu einer Grundlage wissenschaftlichen Fortschritts. Umgekehrt wurde erst mit dem Buch und damit der Möglichkeit zur linearen Argumentation die vernetzte Argumentation überhaupt möglich. Warnke liegt falsch, wenn er sagt, das Buch habe ausschließlich lineare Argumente gefördert und »alles andere ausgeschlossen«. Das genaue Gegenteil war und ist der Fall.

Lineare und vernetzte Argumentation bedingen einander. Allerdings, und genau hier ist der Knackpunkt: Sie müssen auch so rezipiert werden. Wenn lineare und vernetzte Argumentation einander bedingen, gilt dies auch für deren Rezeption. Der Hörer trifft mit seiner Feststellung, wir verlören »zunehmend die Fähigkeit, zu warten oder uns längere Zeit und intensiver mit einem Thema zu befassen«, den Kern des Problems: Wir lesen nicht viel zu wenig, sondern zu wenig viel. Oder anders ausgedrückt: Das vernetzte Lesen stärkt zwar das Verständnis für lineare Argumentationen. Doch die Vernetzung von Texten kann ihre (vollständige) Rezeption nicht ersetzen.

Nachtrag: Angesprochen auf die Vorteile der aufmerksamen Vertiefung in (lineare) Texte hat der Soziologe Dirk Baecker in einem Gespräch über seine »Studien zur nächsten Gesellschaft« (2007) einen Vorschlag für die Rezeption von Texten in der Computergesellschaft gemacht, der den obigen Überlegungen recht nahe kommt:

Die Langsamkeit, das so genannte ›Nahe Lesen‹ - die Amerikaner sagen ›Close Reading‹ - das war in der Tat eine wunderbare Technik des Hereinziehens des eigentlich unruhigen menschlichen Bewusstseins in diese doch recht zwanghafte Linearität von Texten, wie man sie in Büchern gewohnt ist. Wir werden das nicht ersetzen müssen, aber wir werden das ergänzen müssen durch ein schnelles, hüpfendes Zur-Kenntnis-Nehmen von Welt-Sachverhalten, ein Hin-und-Her-Rechnen zwischen heterogenen Sachverhalten, die nicht diesem linearen Muster des Aufbaus eines Arguments mehr genügen… (ab 33. Minute)

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